AsKI-Jubiläum. Festvortrag von Staatsministerin Prof. Monika Grütters : Kultur und Identität – Sammeln aus kulturpolitischer Perspektive

Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei ihrer Rede zum 50-jährigen Jubiläum des AsKI am 30. Mai 2017 in der Akademie der Künste Berlin, Foto: Ekko von Schichow, Berlin

Nicht jeder Liebhaber ist ein Sammler, aber in jedem Sammler steckt ein Liebhaber – und einem solchen Liebhaber hat der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem wunderbaren Roman „Das Museum der Unschuld" das schönste Denkmal gesetzt, das wohl je einem Sammler zuteil wurde.

Gesammelt werden in diesem Roman Tausende private Erinnerungsstücke, darunter ein gelber Pumps, eine Quittenreibe und 4.213 Zigarettenkippen – Zeugnisse des Alltagslebens einer Gesellschaft im Umbruch, vor allem aber Andenken an ein unwiederbringlich verlorenes Glück, Devotionalien der unglücklichen Liebe eines Istanbuler Großbürgersohns, der über viele Jahre obsessiv nahezu alles aufbewahrt, was die Hände der geliebten Frau berührt haben.

Nun sind nicht alle Sammler unglückliche Liebhaber – zum Glück, sonst gliche der Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute wohl einer Selbsthilfegruppe, und die Festrede zum 50. Jubiläum hätte dann wohl besser der Gesundheitsminister übernommen. Aber jede bedeutende Sammlung lebt nicht zuletzt auch von persönlicher Leidenschaft – von Liebhaberei, von einer Wertschätzung, die nicht dem Geldwert oder dem Gebrauchswert der Gegenstände gilt, sondern jener ganz besonderen Magie der Dinge, die aus den Erinnerungen erwächst, die sie aufbewahren, oder aus der Geschichte, die sie erzählen. Sammeln ist ein Sieg der Wertschätzung über Vergessen und Vergänglichkeit – und unter all den Meriten der im AsKI vereinten Institutionen verdient es nicht zuletzt dieser Sieg, gewürdigt und gefeiert zu werden. Deshalb, lieber Herr Dr. Trautwein, habe ich Ihre Einladung gerne angenommen, zu Ihrer heutigen Festveranstaltung einige Überlegungen zur Bedeutung des Sammelns aus kulturpolitischer Perspektive beizusteuern, zumal der Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute selbst die Bedeutung des Sammelns für das kulturelle Gedächtnis so eindrucksvoll repräsentiert wie wohl kaum ein anderes Netzwerk – und das im vergleichsweise zarten Alter von gerade mal 50 Jahren! Das ist ein Wimpernschlag, verglichen mit der Summe der Jahre, die die Sammlungen seiner Mitgliedsinstitutionen mit ihren Objekten abdecken. Dennoch ist es dem Arbeitskreis in diesen 50 Jahren gelungen, dem kulturellen Gedächtnis eine klar und kraftvoll vernehmbare Stimme zu geben und die Bedeutung des Sammelns und der privaten Kulturförderung für unsere Gesellschaft ins öffentliche Bewusstsein zu rücken: durch Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen, in denen sich unterschiedliche Kompetenzen und Blickwinkel seiner Mitglieder auf inspirierende Weise verbinden, aber auch als Träger der Casa di Goethe in Rom, die in diesem Jahr ihr 20. Jubiläum feiert. Nirgendwo sonst findet man dank einer erlesenen Sammlung ein so authentisches Bild von der berühmtesten Italienreise in der deutschen Kulturgeschichte – dafür gilt Ihnen, liebe Frau Gazetti, ein besonderer Dank! Vielen Dank vor allem aber Ihnen, lieber Herr Dr. Trautwein, und all Ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern im Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute! Vielen Dank für Ihr großes Engagement als Vermittler kulturhistorischer Zusammenhänge und als Bewahrer von Kulturgut!

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters beim Festakt des AsKI in der Alademie der Künste am 30.5.2017, Foto: Ekko von Schwichow, Berlin

Warum Kulturgut dieses Engagement braucht und verdient, hat uns vor einigen Monaten der Internationale Strafgerichtshof vor Augen geführt – ausgerechnet ein Gericht, das sich üblicherweise mit schwersten Menschenrechtsverletzungen, mit Völkermord und Kriegsverbrechen, mit Massakern und Massenvergewaltigungen befasst. Sie erinnern sich vielleicht: Islamisten aus Mali hatten 2012 eine Moschee und neun Mausoleen in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Timbuktu zerstört. Einer von ihnen wurde nun in Den Haag zur Verantwortung gezogen. Der Gerichtshof stufte die vorsätzlichen Zerstörungen als Kriegsverbrechen ein und verhängte neun Jahre Freiheitsstrafe. Die Bedeutung dieses Urteils kann man gar nicht hoch genug einschätzen in Zeiten, in denen die Vernichtung von Kulturgütern zum Mittel psychologischer Kriegsführung geworden ist. Der Internationale Gerichtshof hat damit unmissverständlich und unüberhörbar klar gemacht: Kulturgüter sind keine Luxusgüter. Kulturgüter sind, wie die Tageszeitung DIE WELT die Anklage zutreffend kommentierte, „existentiell, für Gemeinschaften, Nationen, die Menschheit"; es geht dabei, ich zitiere, „um das Lebensrecht von Gedanken und Ideen."

Die Überzeugung, dass Kulturgüter existentiell sind als Spiegel unserer Geschichte und unserer Identität, ist Teil unseres Selbstverständnisses als Kulturnation. Die Kraft, Kulturgüter dementsprechend zu bewahren und zu schützen, erwächst aus der staatlichen Kulturfinanzierung, aber auch aus wirksamen gesetzgeberischen Maßnahmen, verankert im neuen Kulturgutschutzgesetz – aus Maßnahmen gegen den illegalen Handel und die unrechtmäßige Ausfuhr einiger weniger, national wertvoller Kulturgüter. Doch ohne die lange Tradition des privaten und bürgerschaftlichen Engagements für Kunst und Kultur – ohne die Sammelleidenschaft ihrer Liebhaber und die Großzügigkeit ihrer Förderer – gäbe es wohl kaum jene Vielfalt an Kultureinrichtungen, die als „kulturelles Gedächtnis" bezeichnet zu werden verdient. Für diese Tradition stehen die Stiftungen und Vereine, die sich im Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute zusammengeschlossen haben und die – so unterschiedlich ihre Arbeitsschwerpunkte auch sind – eines gemeinsam haben, nämlich dass sie ihre Existenz einer privaten Initiative und ihr Renommee nicht zuletzt auch der Großzügigkeit und dem Engagement einzelner Bürgerinnen und Bürger verdanken.

Es ist ein schöner Zufall, dass zu den ersten prominenten Fürsprechern dieses privaten Engagements für das Sammeln und Bewahren ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe gehört, der im Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute gleich mehrfach präsent ist. Er beschäftigt die Klassik Stiftung Weimar, das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt und das Goethe-Museum in Düsseldorf und bescherte dem Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute die besondere Ehre, mit der Verantwortung für die Casa di Goethe in Rom Träger des einzigen deutschen Museums im Ausland zu werden. Da passt es ins Bild, dass er auch selbst vom Wert des privaten Sammelns überzeugt war. Schon mit der für damalige Verhältnisse einzigartigen Vielfalt seiner eigenen Sammlungen steht Goethe ja gewissermaßen Pate für die sammelnden Institutionen, die unter dem Dach des AsKI vereint sind: In seinem Haus am Frauenplan in Weimar fanden sich nach seinem Tod neben unzähligen Manuskripten auch rund 18.000 Mineralien, über 9.000 Blätter Graphik, etwa 4.300 Handzeichnungen, eine 8.000 Bände umfassende Bibliothek, dazu zahlreiche Gemälde, Plastiken und naturwissenschaftliche Kollektionen – alles zusammengetragen „mit Plan und Absicht", so Goethes eigene Worte, denn – ich zitiere weiter: „Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf."

Überliefert ist auch, dass Goethe in einem Reisebericht von einem Besuch bei Johann Friedrich Städel schwärmte. Goethe pries sowohl dessen Sammlung, die jeden Kunstfreund in Erstaunen versetze, als auch die Großzügigkeit des (ich zitiere) „vaterländisch denkenden, trefflichen Mannes", der seine Kunstschätze der Öffentlichkeit zugänglich machte, wodurch (ich zitiere weiter) „Kunstfreude und Kunstsinn hier für ewige Zeiten die gewisseste Anregung und die sicherste Bildung hoffen können." Auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts dürfen wir zum Glück auf solches Engagement zählen. Ich erlebe bei meinen zahlreichen Besuchen in Kultureinrichtungen in ganz Deutschland immer wieder, wie sehr so manche ehrwürdige Institution von einer jahrzehntelangen Tradition des bürgerschaftlichen Engagements und des Mäzenatentums profitiert. Viele Ankäufe wären ohne die Unterstützung privater Geldgeber nicht möglich. Viele Schätze aus unserem reichen kulturellen Erbe wären ohne privates Engagement nicht erhalten. Und so manches Kleinod, das zur Strahlkraft eines Museums beiträgt – das, „wohl beschaut, ein neues Organ in uns [aufschließt]", um Goethes Worte aufzugreifen – wäre vermutlich im Tresorraum einer Bank dem Vergessen anheimgefallen, wenn sein Eigentümer, seine Eigentümerin nicht bereit gewesen wäre, die Freude daran zu teilen. Landauf, landab gibt es zahlreiche Fördervereine – etwa die Freunde der Nationalgalerie hier in Berlin oder der Freundeskreis des Deutschen Literaturarchivs Marbach –, in denen die Liebe zur Kultur den Wunsch nährt, auch andere daran teilhaben zu lassen. Sie machen mit ihrer finanziellen wie persönlichen Unterstützung Sonderausstellungen möglich, erschließen mit Beiträgen zur kulturellen Bildung und Vermittlung neue Zielgruppen und unterstützen beim Ankauf zur Ergänzung und Erweiterung der Sammlungen – aus der Überzeugung heraus, dass Sammeln nicht nur einen Preis, sondern auch und insbesondere einen Wert für unsere Gesellschaft hat. Die Maecenas-Ehrung, mit der der Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute alle Jahre wieder herausragendes mäzenatisches Wirken auszeichnet, schafft dafür hochverdiente öffentliche Aufmerksamkeit – und hochverdient ist auch die Unterstützung dieser Ehrung aus meinem Kulturetat, auf die Sie sich selbstverständlich auch in Zukunft ebenso verlassen können, meine Damen und Herren, wie auf die institutionelle Förderung des Arbeitskreises.

Denn gerade mit Blick auf die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen erweisen sich die Sammlungen der 36 Institute einmal mehr als unverzichtbare Erinnerungsspeicher und Identitätsstifter. Deutschland hat 2015 und 2016 über eine Million Flüchtlinge aufgenommen; sie zu integrieren, sie vertraut zu machen mit unserer Geschichte, mit unseren Werten und Gepflogenheiten, ist eine gewaltige Aufgabe, für die wir unsere Kultureinrichtungen brauchen. Gleichzeitig sind in vielen Ländern in und außerhalb Europas populistische Parteien auf dem Vormarsch und schüren Ängste vor der Übermacht des Fremden und vor dem Verlust des Eigenen. Mit ihren Sammlungen können Ihre Einrichtungen, meine Damen und Herren, unseren demokratischen Werten und unseren Lehren aus der Geschichte Überzeugungskraft verleihen und vermitteln, was uns ausmacht als Deutsche und Europäer.

Man muss in diesem Zusammenhang nicht den Begriff der „Leitkultur" bemühen, aber ich halte es für wichtig, dass wir bei interkulturellen Konflikten willens und in der Lage sind, klar zu benennen, was unser Selbstverständnis ausmacht. Solche Debatten zu führen, ist notwendig – allein schon deshalb, weil wir das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung ansonsten den Nationalisten und ihrer Ideologie des Eigenen überlassen, die in der Abwertung des Anderen Rassismus nährt, Ausgrenzung fördert, und die einst unermessliches Leid über Deutschland und Europa gebracht hat. Solche Debatten zu führen ist aber auch deshalb notwendig, weil die in vielerlei Hinsicht bereichernde Vielfalt eines weltoffenen Europas eben nicht in jeder Hinsicht unproblematisch ist – zum Beispiel, wenn Menschen, die hier heimisch werden wollen, von einem in ihren Herkunftsländern weit verbreiteten Antisemitismus geprägt sind, oder wenn Menschen, die hier heimisch sind, die sicher geglaubten Standards unseres Zusammenlebens durch ihre Fremdenfeindlichkeit mit Füßen treten.

Um die Werte und Erfahrungen zu vermitteln, die unsere Verfassung wie auch unser Zusammenleben tragen, brauchen wir unsere Sammlungen – die Siege der Wertschätzung über Vergessen und Vergänglichkeit.

  • Wir brauchen unsere Archive, die in Originaldokumenten unterschiedliche Facetten des Zeitgeschehens abbilden!
  • Wir brauchen unsere Kunstmuseen, die nicht nur wahre Schatzkammern, sondern auch Spiegel individueller Erfahrungen sind!
  • Wir brauchen die Einrichtungen, die sich der Zeitgeschichte und Kulturgeschichte widmen!
  • Wir brauchen die authentischen Orte, die das Licht und Dunkel deutscher Vergangenheit vergegenwärtigen – jene, die das Vermächtnis großer Dichter und Denker erhalten, aber auch jene, die an die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Diktatur und den moralischen Zusammenbruch unseres Landes erinnern!
  • Und nicht zuletzt brauchen wir zur Vermittlung unserer Kultur auch die Einrichtungen, die sich unserer Sprache und damit unserer Art des Wahrnehmens und des Denkens widmen!

Sie alle unterstützen mit ihren Sammlungen die Verständigung darüber, welches Land wir im 21. Jahrhundert sein wollen. Vielen Dank für dieses ebenso zukunftsweisende wie vergangenheitserhellende Engagement!

Nicht zuletzt, meine Damen und Herren, verdanken wir der Sorgfalt der Sammler im Übrigen auch die hin und wieder doch sehr beruhigende Erkenntnis, dass die von uns verehrten Dichter und Denker auch nur Menschen waren. Jean Paul zum Beispiel, der seit meinem Germanistik-Studium zu meinen liebsten deutschen Autoren gehört, bleibt uns dank des bis heute erhaltenen, riesigen Konvoluts persönlicher Briefe nicht nur als Literat, sondern auch als Liebhaber flüssiger Genussmittel im Gedächtnis. Er arbeitete nach der Devise „Entwirf bei Wein, exekutiere bei Kaffee", und weil er viel auf Reisen war und ihm das Bier in Weimar, Berlin und im Ausland nicht mundete, orderte er regelmäßig Nachschub aus der oberfränkischen Heimat. An einen Freund schrieb er einmal, ich zitiere: „Sollte das Bier schon unterwegs sein – was Gott gebe – so bitt ich Sie herzlich, sogleich neues nachzusenden; weil der Transport vom Fass in mich viel schneller geht als von Bayreuth nach mir!"

Das wird uns heute Abend hoffentlich nicht passieren. Schließlich ist unser geselliges Beisammensein nicht

nur Anlass für Festreden, sondern vor allem ein Grund zum Feiern, und da werden die Wege zum nächsten Kaltgetränk sicherlich kurz sein. Ich jedenfalls freue mich, mit Ihnen anzustoßen auf einen im besten Sinne wirkmächtigen Arbeitskreis, auf fünf erfolgreiche Jahrzehnte und auf die Sammelleidenschaft – den Sieg der Wertschätzung gegen Vergessen und Vergänglichkeit. Herzlichen Glückwunsch zum 50-jährigen Jubiläum, lieber Herr Dr. Trautwein, und viel Erfolg weiterhin – auf dass unser kulturelles Gedächtnis auch in Zukunft eine starke Stimme hat!

Festveranstaltung des AsKI in der Akademie der Künste am 30.5.2017, Tal Balshai Solo & Trio, Foto: Ekko von Schwichow, Berlin

AsKI KULTUR lebendig 2/2017
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