Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945

  Krieg und Verbrechen; links: transportabler Galgen aus dem KZ Buchenwald,  rechts: Realienkabinett „Depersonalisierung und Uniformierung“, Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Neue Dauerausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers in der Gedenkstätte Buchenwald

„Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945" ist die letzte große Ausstellung, die in der Bundesrepublik Deutschland gemeinsam von Überlebenden, Historikern, Museologen und Geschichtsdidaktikern auf den Weg gebracht worden ist. In ihr verbinden sich Abschied und Zukunft. Abschied von der Vergangenheit in Gestalt lebendiger Erinnerung, aber nicht in Gestalt absoluter Historisierung. Die mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus verbundenen politischen und moralischen Impulse sind ebenso wenig historisierbar wie die oben angesprochene Fassungslosigkeit. Zukunft, weil sich mit ihrer Entstehung die feste Absicht aller Beteiligten verbindet, der staatlich legitimierten, gesellschaftlich mitgetragenen oder hingenommenen Gegenmenschlichkeit nicht das letzte Wort zu lassen.

Seit dem 17. April 2016 versucht die neue Dauerausstellung auf 2.000m2 im ehemaligen Kammergebäude des Konzentrationslagers Buchenwald für Besucher erschließbar zu machen, was man besser nicht tun sollte, damit Staat und Gesellschaft nicht inhuman umkippen; was man nicht tun sollte sowohl im Alltag unmittelbar zwischen Menschen als auch in den Bereichen von Politik und staatlicher Verfassung, des Sozialen, des Kulturellen oder des Rechts. Dabei engt die Ausstellung die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht entkontextualisierend auf das Grauen der Lager ein, die keine isolierten Inseln des namenlos Bösen waren. Die Verbrechen geschahen nicht irgendwo abseits, sondern – wie es der Auschwitz- und Mittelbau-Dora-Überlebende Jean Améry aus bitterer Erfahrung formulierte – „mitten im deutschen Volke".

Deshalb verschränkt die Ausstellung den Blick in das von der SS keine zehn Kilometer vom Stadtzentrum Weimars betriebene Lager mit dem Blick in die deutsche Gesellschaft; eine Gesellschaft, die Lager und Ausgrenzung überwiegend akzeptierte, für gerechtfertigt und notwendig hielt, die kaum Anstoß nahm, die sich der Lager und Häftlinge dort vielfach bediente und die schließlich mit dem „totalen Krieg" von Lagern flächendeckend durchsetzt war; allein zu Buchenwald gehörten 139 Außenlager. Insgesamt hielt die SS in diesem Komplex fast 280.000 Menschen aus mehr als 50 Ländern gefangen. Über 56.000 von ihnen wurden von der SS ermordet oder fanden den Tod durch Erschöpfung, Hunger, Folter und medizinische Experimente.

Von Buchenwald-Häftlingen angefertigte Repliken von Friedrich Schillers Möbeln  in der neuen Dauerausstellung, Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Besonders auffallend ist die reibungslose Nachbarschaft von KZ und Stadt: Buchenwald wurde problemlos zum Bestandteil Weimars. Krankenhaus und Krematorium standen der SS für ihre Zwecke zur Verfügung; Weimarer Handwerker, Spediteure und Händler machten Geschäfte mit ihr; auf Veranlassung der Stadt und des Goethe-Nationalmuseums mussten im April 1942 Häftlinge in der Schreinerei des KZ Repliken der Möbel aus dem Arbeits- und Sterbezimmer Friedrich Schillers herstellen.

Die neue Ausstellung präsentiert sich nicht als Reihung und Abfolge von Vitrinen. Sie ist nicht als nichtssagende chronologische Aneinanderreihung von Daten und Fakten gestaltet. Sie dokumentiert nicht unterkühlt. Sie gibt aber auch nicht vor, es sei möglich, eine Zeitreise zu machen und unmittelbar zu erleben, „wie es war". Vielmehr entwickelt die neue Dauerausstellung ihr Thema zunächst in drei auf je besondere Weise gestalteten Strängen:

Erstens verdeutlicht ein Zentralstrang prägnant die Geschichte des KZ Buchenwald und seiner Einbindung in die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus. Die Darstellung geht in diesem Bereich aus der aufschlussreichen Zusammenführung und Verknüpfung zentraler Zeugnisse, Objekte, Fotos und Dokumente hervor. Der Zentralstrang gliedert sich in die vier Kapitel „Nationalsozialismus und Gewalt", „Krieg und Verbrechen", „Totaler Krieg" und „Die letzten Monate", die jeweils durch einen eigenen Leittext erschlossen und historisch eingeordnet werden.

Einen zweiten Zugang bilden audio-visuell präsentierte Lebens- und Verfolgungsgeschichten von Häftlingen. Am Beispiel von insgesamt 85 Menschen wird hier zum einen exemplarisch deutlich, wie die Häftlingsgesellschaft im KZ Buchenwald zusammengesetzt war. Erstmals bekommen alle auf Grund der nationalsozialistischen Ideologie bzw. in Folge der NS-Besatzungsherrschaft verfolgten Opfergruppen beispielhaft Stimme und Gesicht. Zum anderen verdeutlichen die Lebensgeschichten, aus welchen Gründen und mit welchen Rechtfertigungen Menschen verfolgt und ausgegrenzt wurden, welche Zwecke und Ziele sich damit verbanden und wer daran beteiligt war oder davon wusste. Geschichte wird in Gestalt von Lebensgeschichten plastisch und konkret.

Ein drittes Gestaltungselement bilden drei Realienkabinette. Als in sich geschlossene, ausschließlich der Geschichte der Opfer gewidmete Räume thematisieren sie anhand von originalen Sachzeugnissen aus dem Lager bzw. aus dem Besitz von Häftlingen während ihrer Gefangenschaft die übergreifenden Themen Depersonalisierung und Uniformierung, Unterernährung und Hunger sowie Selbstbehauptung. Die Realienkabinette vermitteln Geschichte in erster Linie sinnlich-visuell. Sie sprechen in besonders intensiver Weise die historische Vorstellungskraft der Besucherinnen und Besucher an und damit deren Bereitschaft zur Empathie. Sie sind bewusst still gehalten. Historische Aufklärung und ein gewisser Andachtscharakter sind in den Realienkabinetten miteinander verbunden.

Alle drei Stränge sind inhaltlich und räumlich aufeinander bezogen. Emotionales und kognitives Lernen, Berührung und Begreifen, visuelle Attraktion und historisch informierte Reflexion werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern bereichernd und konstruktiv miteinander verbunden.

Realien und Informationen zur Befreiung des KZ Buchenwald am 11. April 1945, Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Den vier Hauptkapiteln der Ausstellung sind ein Prolog voran- und ein Epilog nachgestellt. Der Prolog in Gestalt einer audio-visuellen Animation vermittelt auf das Wesentliche konzentriert ereignisgeschichtliche Etappen der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Transformation in Deutschland von der Machtübergabe an Hitler und die NSDAP 1933 bis zum Bau des KZ Buchenwald 1937. Ohne diese Vorgeschichte bliebe die Errichtung des Lagers – wie des KZ-Systems insgesamt – unverständlich. Anschaulich wird die – beinahe widerstandslos hingenommene, von vielen begrüßte und mitgestaltete – Transformation Deutschlands von der Demokratie zur rassistischen Diktatur und „Volksgemeinschaft" in Gestalt der Verkürzung und rassistischen Umdeutung eines römischen Rechtsgrundsatzes zu „Jedem das Seine". „Die Gebote des Rechts sind folgende: Ehrenhaft leben, niemanden verletzen, jedem das Seine gewähren" – so formuliert der römische Corpus Iuris Civilis aus der Mitte des 6. Jahrhunderts vollständig den Rechtsgrundsatz, auf den die Kurzform „Jedem das Seine" zurückgeht. Im Frühjahr 1938, wenige Monate nach Beginn der Errichtung Buchenwalds, ist diese Formel auf Veranlassung des Lagerkommandanten Karl Otto Koch in geschmiedeten Buchstaben als Motto der SS in das Tor des KZ eingelassen worden. Auf die Sicht von innen, auf den Appellplatz, auf die Häftlinge dort ausgerichtet, demonstrierte die Inschrift gebieterisch das angebliche Recht der SS und des nationalsozialistischen Deutschland auf die brutale Ausgrenzung von Menschen aus der Gesellschaft – aus politischen, sozialen und rassistischen Gründen. Hier knüpft die Prolog-Animation symbolisch an. Parallel umreißt sie ereignisbezogen die nationalsozialistische Zerschlagung der demokratischen Grund- und Bürgerrechte, wie sie von der Verfassung der Weimarer Republik formuliert und bis 1933 garantiert waren. Skizziert wird auch die Entwicklung der rassistischen Gesetzgebung des „Dritten Reichs" zur Legalisierung der Entrechtung, Beraubung und Ausgrenzung angeblich „Gemeinschaftsfremder", die 1935 in den „Nürnberger Rassengesetzen" eskalierte.

So wie der Prolog ist auch der Epilog gestalterisch vom Hauptteil der Ausstellung abgesetzt. Neun Schlaglichter umreißen die Situation im befreiten Lager Buchenwald und werfen Licht auf die Nachgeschichte, etwa die rechtliche und gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen in West- und Ostdeutschland bzw. deren Verzögerung und Einschränkung. In diesem Schlussteil kommen Überlebende unter drei Gesichtspunkten unmittelbar zu Wort: zeitnah zur Befreiung als unmittelbare Zeugen der Verbrechen; dann in Zeugnissen zu den Auswirkungen von Verfolgung und Lager auf ihre Person und ihr Leben; schließlich in Reflexionen zu den Konsequenzen, die aus Geschichte und Erfahrung des Nationalsozialismus gezogen werden sollten. Gestaltung und inhaltliche Verdichtung berücksichtigen, dass Besucherinnen und Besucher hier angekommen erfahrungsgemäß so viel Kraft und Energie aufgewendet haben, dass es ihnen wenig entgegenkäme, eine umfassende „zweite Ausstellung" zur Nachgeschichte Buchenwalds anzuschließen.

Auf einer Plattform im nicht lagerzeitlichen Treppenhaus des ehemaligen Kammergebäudes, durch das die Ausstellung im zweiten Stockwerk verlassen wird, ist ein Modell des Lagers aufgestellt. Es wird von einem eigens geschaffenen Sichtfenster mit Blick auf das gesamte ehemalige Lagergelände hinterfangen. Hier können Besucherinnen und Besucher ihren Ausstellungsbesuch rekapitulieren und die Geschichte mit dem historischen Gelände und den vorhandenen Überresten verbinden.

Dr. Volkhard Knigge
Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit
an der Universität Jena und Direktor der Stiftung
Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

AsKI KULTUR lebendig 2/2017
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